Das Fleckchen Schweiz am anderen Ende der Welt

Das hüfthohe Schilf wiegt sanft im kühlen Wind. Draussen vor dem Fenster auf der Veranda liegt Two-Pack, der treue Vierbeiner, und wartet, bis sich einer dieser komischen Zweibeiner zu ihm gesellt und seinen unerschöpflichen Durst nach Zuneigung mit Streicheleinheiten etwas lindert. Two-Pack – wie alle seiner Spezies – ist bilingual. Er spricht die Universalsprache aller seiner Artgenossen: bedingungslose Liebe. Aber verstehen tut er nur deutsch – obwohl er hier mitten auf dem Land in Uruguay lebt und seine Schäferhundsohren eigentlich zu spanischen Klängen spitzen sollte. Vielleicht weigert er sich spanisch zu verstehen weil er weiss, dass er sich hier in Nueva Helvecia befindet – und man da halt deutsch spricht – oder zumindest zu etwas über 65%. Und da er ja gar nicht akustisch spricht, sondern nur zuhört, sollte das reichen. Das Nichtsprechen kompensiert er durch Nähe, eine oft bessere Art zu kommunizieren, wie mir scheint.
Wie dem auch sei, Uruguay hatte Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Problem. Wenn man das denn ein Problem nennen kann. Viel zu viel Land, und viel zu wenig Menschen die es bebauen konnten. Also beschloss die Regierung, jedem Siedler fünfzig Hektar Land und zwanzig oder dreissig Kühe zu schenken. Einzige Bedingung, innerhalb von zwei Jahren musste ein Haus gebaut werden.
Und so kam es, dass in den Jahren 1861 und 1862 zwei Ladungen desillusionierter Schweizer Emigranten samt ihren Familien hier strandeten und auf der Suche nach ihrem Glück mitten im Nichts einen Neuanfang wagten. Wenn gleich sie geschickte Bauern, Lehrer und Ärzte waren, an namensfinderischer Kreativität schien es ihnen zu fehlen und so tauften sie die neue Kolonie in Ermangelung besserer Ideen einfach Nueva Helvecia. Ein so schlechter Name ist das ja dann auch wieder nicht.

Versammlung auf dem Dorfplatz

Versammlung auf dem Dorfplatz


Daher ist es durchaus berechtigt, dass Two-Pack, etwas mehr als elf Kilometer von der Küste entfernt, ein paar hundert Kilometer nördlich von Buenos Aires, berechtigterweise Kommandos auf deutsch entgegennimmt, nicht auf spanisch. An seinem Schweizerdeutschverständnis muss er jedoch noch etwas feilen.

Nueva Helvecia ist ein kleines Dorf mit wenigen tausend Einwohnern. Es ist umgeben von sanften Hügeln, unweit schöner Strände – wurde mir zumindest so erzählt. Die Bevölkerung hat sich auf die Produktion von Käse- und Milchprodukte spezialisiert und beliefert damit einen Grossteil Uruguays. Unter den Einwanderern war ausserdem ein Musiklehrer der fix eine Schule gründete. Die tapferen Männer brachten zudem, wie es sich für einen echten Schweizer gehört, auch ihre Flinte mit, und so dauerte es nicht lange, bis der erste Schiessclub gegründet war. Etwas ausserhalb liegt, umgeben von mächtigen Eichen eingebettet in einen grünen Park, das im Jahre 1871 erbaute Hotel Suizo. Neben seiner Hauptfunktion als Hotel wurde es auch als Versammlungsort für den Club, für Feste, Kinoaufführungen und Bälle genutzt. Traditionell wurde der 1. August jeweils hier zelebriert. 1930 wurde die Schweizer Kolonie um eine Agrarschule bereichert. Infolgedessen stieg die Produktivität der Betriebe und die Qualität der Produkte markant an.

Jeder Mann brachte sein Schiesseisen mit

Jeder Mann brachte sein Schiesseisen mit

Am Dorfausgang, in Richtung Farm auf der ich wohne, befindet sich die erste Kirche von Nueva Helvecia. Sie wurde 1868 fertiggestellt und diente zu Beginn sowohl Katholiken als auch Evangelikalen als Gotteshaus. Schwache Sonnenstrahlen dringen durch die schmucklosen Kirchenfenster und verleihen dem schlichten Innenraum behagliche rote und bläuliche Töne. Es scheint als wäre der Bogen von Raum und Zeit gefaltet worden und ich könnte hinübergreifen in die Epoche, als in diesem Raum die ersten Gebete gesprochen wurden. Ich fühle mich verbunden mit den Abenteurern die hier vor 150 Jahren in eine neue Welt aufbrachen und die Angst vor dem Unbekannten bezwangen. Vorne in der Mitte ist ein Buch aufgelegt indem die Besucher ihre Gebeten niederschreiben. Auf einer leeren Seite notiere ich die erste Strophe eines der schönsten Gebetslieder das ich kenne; der Schweizer Nationalhymne. In einem Anfall von Patriotismus – und weil ich gerade alleine bin – singe ich sie sogar. Wie lange es wohl her ist, seit diese alten Gemäuer diesen wunderschönen Psalm zu hören bekommen haben?
Über dem Altar hängt ein Bild des Auferstandenen Jesus, darüber steht auf einem hölzernen Bogen in deutschen Lettern “Friede sei mit Euch”. Das ist er. Darunter liegt eine uralte Bibel, aufgeschlagen im Buch Esther. Diese bezaubernde Jüdin, die einst in einem fremden Land unfreiwillig zur Königin gekrönt wurde, und sich in einer ihr feindlich gesinnten Welt behaupten musste. Ich frage mich, ob das Wort hier schon seit dem Tag aufgeschlagen ist als die Schweizer Kolonie an diesem Ort gegründet wurde weil das Schicksal dieser Königin in der Verbannung die mutigen Schweizer fern ihrer Heimat unterbewusst berührte.
Neben der Kirche ruht für immer Else Birkhold, geborene Egger aus St. Galien. Sie erblickte das Licht der Welt am 11. August 1850. Mit zarten elf Jahren verliess sie bekanntes Zuhause auf dem Weg zu einem Land auf der anderen Seite der Welt und starb im stolzen Alter von 81 Jahren. Wie wohl dieses Abenteuer zu Schiff in den Augen eines kleinen Mädchens gewesen sein mochte? Wie gerne würde ich ihrer Geschichte lauschen.

Auf einem Grabstein sind die wahren Worte zu lesen "Wir haben hier keine Stadt, sondern die zukuentige suchen wir. Hebräer 13; 14" – inklusive Schreibfehler.

Auf einem Grabstein sind die Worte zu lesen “Wir haben hier keine Stadt, sondern die zukuentige suchen wir. Hebräer 13; 14″ – inklusive Schreibfehler.

Zurück auf der Farm, vor dem Stubenfenster liegt stille ein Teich, das silberne Antlitz des Himmels spiegelt sich im pechschwarzen Wasser. Messerscharfe Linien trennen Schwarz und Weiss, wie die hellen und dunklen Wasser der beiden Flüsse, die im Amazonas aufeinandertreffen und sich über hunderte Kilometer nicht mischen. Hinter dem Teich bewegt sich ein Schimmel bedächtig durch das dunkelgrüne Gras. Mit ihren weissen Flanken und dem silbernen Rücken könnte sie eine Tochter des wolkenbehangenen Himmels sein.
Ein Schwede ist auf der Farm eingetroffen. Er gratuliert mir zum Triumph der Schweizer Nationalhockey Mannschaft die soeben die Vereinigten Staaten besiegt hat und somit ins Final einzieht. Gegen Schweden.
Wir sitzen vor dem wärmenden Kaminfeuer und sprechen über unsere Leben. Stefan geht gegen die vierzig zu – das sieht man ihm jedoch nicht an. Vielleicht weil er Forstwirtschaft studiert hat und die letzten Jahre viel Zeit in der Natur verbracht hat. Doch die langen Wochen in einer einsamen Hütte mitten im Wald, ohne eine einzige Menschenseele gingen ihm an die Substanz. So wechselte er sein Beschäftigungsgebiet, sozusagen auf die gegenüberliegende Strassenseite. Papierindustrie. Das erinnert mich an die einsamen Momente im Dschungel Brasiliens. Ich bin froh, dass ich langsam lerne auch ohne Gemeinschaft mit anderen inneren Frieden zu wahren. So sitzen wir hier, reden über Gott und die Welt. Und über Frauen. Später bereitet uns Monica, die stille Herrin des Hauses, ein herzhaftes Käsefondue. Zum Abschluss dieses wunderbaren und kalten Tages geniessen wir zusammen mit Ihrem Mann Miguel die Hitze in der selber gebauten Sauna.

Ein Fleckchen Schweiz fern der Schweiz

Ein Fleckchen Schweiz fern der Schweiz


Ja, hier lässts sich leben, auf diesem Fleckchen Schweiz 11’120 Kilometer von der Schweiz entfernt.

Bin ich es, der Spuren auf dem Weg hinterlässt, oder hinterlässt der Weg Spuren in mir?

Himmel über Recífe.

Himmel über Recífe.

Ich befinde mich – mal wieder – über den Wolken, irgendwo über den Weiten von Bahía und nähere mich mit 806 Kilometer pro Stunde dem nächsten Wegpunkt, Brasilia, die Hauptstadt Brasiliens. Gegründet, irgendwann um 1960, mitten im brasilianischen Niemandsland. Eine Planstadt, welche vom brasilianischen National-Architekt Oscar Niemeyer entworfen, und innerhalb von etwa 10 Jahren aus der Steppe gestampft wurde. Von Niemeyer stammen auch diverse andere bekannte Bauten die überall in Brasilien verstreut sind. Leicht erkennbar an den geschwungenen Linien und simplen, runden Formen, meist komplett in weiss mit einigen roten oder gelben Akzenten. Und schwarzen Fenstern. Zum Beispiel das “Teatro Popular” – das unglaublich unpopular und ungenutzt mitten auf einem leeren Platz steht – oder das “Museo de Arte Contemporãnea”, beide in Niterói gegenüber von Rio de Janeiro.

Entworfen vom brasilianischen National-Architekten Oscar Niemeyer.

Entworfen vom brasilianischen National-Architekten Oscar Niemeyer.

Mein Flugzeug ist übrigens gerade abgestürzt. Das ist mir schon mal passiert. Ich glaube auf einem Flug in die Vereinigten Überwachungs-Staaten. Wenigstens ist es Linux basiert und nach wenigen Minuten wieder neu gestartet.

Das Inflight-Unterhaltungssystem des Airbus 319 ist abgestürzt. Ansonsten wohl eines der besten Flugzeuge mit dem ich je geflogen bin. Inklusive USB Ladestation. Da kann ich das Gerät das ich gar nicht benutzen dürfte auch gleich noch aufladen!

Das Inflight-Unterhaltungssystem des Airbus 319 ist abgestürzt. Ansonsten wohl eines der besten Flugzeuge mit dem ich je geflogen bin. Inklusive USB Ladestation. Da kann ich das Gerät das ich gar nicht benutzen dürfte auch gleich noch aufladen!

Lange ist es her, seit dem ich meine Gedanken und Erlebnisse hier teile. Dementsprechend viel gibt es zu berichten.

Ein Junge rennt die Strasse entlang. Ich sitze auf der Bank und probiere das Nichtstun zu üben.

Ein Junge rennt die Strasse entlang. Ich sitze auf der Bank und probiere das Nichtstun zu üben.

Die Reise ist spannend. Im, auf und unter dem Wasser, süss und salzig, in der Luft und auf der Erde, über Dünen und durch Höhlen auf Hügel und vorbei an Bergen und durch Täler, zu Fuss oder zu Pferd, nahe bei Delfinen. Völlig einsam zwischen Himmel und Erde, umgeben vom grünen Dickicht und sich liebenden Schmetterlingen, oder inmitten vibrierender Menschenmassen – auch da manchmal alleine. Eine Reise, innerlich und äusserlich. Der Weg führt durch Gedanken, über Gespräche, vorbei an Ideen und Ideologien, kreuzt wunderbaren Menschen und ist durchzogen mit Momenten tiefer Ehrfurcht. Wenn eine neuer Tag geboren wird, oder ein Gruppe wildfremder Menschen auf einer Sanddüne überwältigt von Dankbarkeit der Sonne zum Abschied spontan applaudiert.

Mitten in den Sanddünen, eine Regenwasserlagune mit hunderten Wasserblumen.

Mitten in den Sanddünen, eine Regenwasserlagune mit hunderten Wasserblumen.

Manchmal muss man für die Erlebnisse ein paar Real abdrücken. Oft eigentlich. Aber die schönsten Erlebnisse sind meist gratis. Wenn einem Menschen, die man noch nicht lange kennt, die Tür zu ihrem Daheim öffnen. Nicht selten auch die Tür zu ihrem Herzen. Wenn man Einblick erhalten darf in das Leben anderer. Dort finde ich, wenn ich meine eigen Angst überwinde, neue Gedanken und kann mich an der Vielzahl ihrer Ideen und Lebensweisheiten bereichern. Ein Reichtum, der nicht weniger wird, wenn man teilt. Nicht austrocknet, wenn man ihn fliessen lässt. Im Gegenteil, er vermehrt sich.

Die Freude gefährlich zu Leben.

Die Freude gefährlich zu Leben.

Teilen. Ist so ein Wegpunkt auf meiner Reise. Eine junge Frau aus Sao Paulo, die mir ihre Freundschaft geschenkt hat, hat mir, neben vielen wunderbaren Erinnerungen und Erlebnissen, überdies auch ein Buch geschenkt. “Coragem – O Prazer de Viver Perigosamente.” Mut – Die Freude gefährlich zu Leben. Der Titel hat mich sofort angesprochen. Auch wenn es aus einer ideologischen Ecke stammt, die mir eigentlich eher fremd und vielleicht sogar etwas suspekt ist. Aber ich lerne, mich auch mit mir fremden Gedanken auseinander zu setzen. Die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden und mich Ihnen positiv zu stellen. Wie kann ich mir über etwas ein Bild machen, wenn ich es gar nicht kenne? Und so tauche ich ein, in dieses etwas buddhistisch gefärbte Gedankengut und entdecke viele spannende, neue Dinge. Die so neu gar nicht sind, und auch gar nicht so anders als ich sie aus der angestammten christlichen Ecke kenne.
Der sechzehnte Präsident Amerikas, Abraham Lincoln, hat einmal gesagt “Der beste Weg deinen Feind zu zerstören, ist ihn zum Freund zu machen.”
Besagtes Buch beschreibt eine alte indische Weisheit, nach derer wir uns alle in der Wartehalle eines Bahnhofs befinden. Wir warten auf den Zug der uns zu unserem eigentlichen Bestimmungsort bringen wird. Manche warten etwas länger, andere etwas weniger lang. In dieser Halle gibt es viele Dinge die wir benützen können, Bänke, Tische, Toiletten, Uhren und mehr. Aber es sind nicht unsere Dinge. Und wir können sie auch nicht mitnehmen. So ist es auch mit unserem Leben. Es ist nur eine Station auf dem Weg zum Ziel. Alle Dinge darin sind Geschenke, die wir vorübergehend benützen dürfen, aber sie gehören eigentlich gar nicht uns. Manchmal vergessen wir das jedoch – vielleicht weil wir schon so viele Jahre in dieser Halle warten – und wir beginnen, die Dinge die uns geschenkt sind, mit Namensschildern zu plakatieren.
Auf einigen Bänken sitze ich schon sehr lange, und so bekomme ich das Gefühl, dass sie mir gehören. Oder, es ist eine aussergewöhnlich schöne Bank. Und ich will den Platz auf keinen Fall freimachen. Dabei vergesse ich, dass wenn ich den Platz freigebe, ich die Gelegenheit habe, mich an einem neuen Ort zu setzen – der vielleicht sogar noch schöner ist. Und dass der Platz, den ich besetze, jemand anders vielleicht besser gebrauchen kann als ich.
Mir wird immer mehr bewusst, dass mir Gott Momente schenkt, die ich nutzen kann, um jemanden zu beschenken. Um etwas weiter zu geben, den Segen den ich erfahre fliessen zu lassen. Es ist keine Pflicht, es ist eine Gelegenheit. Und wenn ich diese Gelegenheit nutze, beschenke ich nicht nur diese andere Person, nein, ich bin danach selber reicher als vorher. Es ist als würde durch den Akt des Schenkens, das Geschenk verdoppelt.
Es muss nicht immer Geld oder ein Gegenstand sein den ich teile. Es kann ein freundliches Lächeln, ein Gruss im Vorbeigehen, eine herzliche Umarmung, eine Ermutigung, oder Zeit sein. Ultimativ, mich. Wenn jemand auf der Strasse bettelt, lerne ich, selbst wenn ich kein Geld gebe, doch wenigstens Respekt zu zollen und der Person in die Augen zu sehen, anstatt sie einfach zu ignorieren – wie ich das früher so oft getan habe. Manchmal gebe ich auch einfach weiter, was ich gerade gekauft habe, eine Frucht, Wasser, eine Seife. Es ist erstaunlich wie die Menschen darauf reagieren und mich so meist mehr beschenken, als das Bisschen, das ich losgelassen habe.

Eine Millionenstadt. Und jede Seele hat eine Geschichte. Manchmal kann man ein Teil davon sein, oder miterleben.

Eine Millionenstadt. Und jede Seele hat eine Geschichte. Manchmal kann man ein Teil davon sein, oder miterleben.

Ich erinnere mich an einen bettelnden Mann in Sao Paulo, der mich um etwas Geld bat. Ich sagte ihm, dass ich kein Geld geben könne, aber wenn er wolle werde ich ihm etwas zu essen und trinken kaufen. Ja, er werde vor dem Shopping-Center warten. Als ich zurückkam, war er nirgends mehr zu finden. Ich wollte schon weitergehen da sah ich ihn an einer Kreuzung jemand anderes um Geld bitten. Er dachte wohl, ich hätte ihn mit meinem Versprechen abwimmeln wollen und wäre einfach gegangen. Völlig unerwartet brach er in Tränen aus und umarmte mich. Ich war völlig verdattert. Wo Gestank, Armut und Schmutz normalerweise einen tiefen Graben schaffen, konnte eine kleine Geste, etwas Aufmerksamkeit, ein bisschen Essen und Trinken eine Brücke zwischen zwei fremden Menschen schlagen. Und am Ende war ich durch seine Dankbarkeit mindestens so beschenkt wie er.
Und noch etwas das ich lerne. Geben macht erst Freude, wenn ich auch mit Freude gebe. Ohne Vorbehalt und nicht weil ich geben muss oder sollte. Vielmehr erkenne ich, dass es ein Geschenk ist, wenn sich ein Moment ergibt, in dem ich geben kann.

Teure Dinge sind manchmal wie Fussfesseln, sich von ihnen zu lösen ist meist nicht leicht.

Teure Dinge sind manchmal wie Fussfesseln, sich von ihnen zu lösen ist meist nicht leicht.

Kürzlich kam ich in eine Situation in der ich spürte, dass die Gelegenheit da war, etwas von meinem Besitz loszulassen. Dummerweise war dieses Etwas ziemlich teuer. Diese teuren Dinge. Oft sind sie für uns gar keine Bereicherung, sondern gleichen eher einer Fussfessel. Wir sind an sie gebunden wie Gefangene. Nach einer Woche in der ich mein Herz – unter anderem durch die Bahnhofgeschichte und Begegnungen mit Menschen reich an Weisheit – weiter verändern liess, war ich bereit das Ding los zu lassen. Und durch das Loslassen gewann ich einen neuen Freund, und dieser beschenkte mich mit Begeisterung, Tränen der Freude und einer Pizza im Kreise seiner Familie.

Schenken schafft Freunde. Hat schon der Salomon gewusst. Der alte Fuchs.

Schenken schafft Freunde. Hat schon Salomon gewusst. Der alte Fuchs.

Es gibt eine Geschichte von einem jungen, erfolgreichen Mann der in seinem Leben alle Regeln befolgt und nie etwas schlechtes tat. Als er einen weisen Mann fragt, was er noch tun müsse um Erleuchtung zu erhalten, rät ihm dieser, seinen ganzes Geld zu verschenken. Doch der Mann kann sich davon nicht trennen und geht traurig davon. Reichtum ist so – es macht nur glücklich, wenn man ihn nicht für sich behält. (Reichtum beschränkt sich nicht nur auf Besitztümer.) Ungeteilter Reichtum ist wie ein stehendes Gewässer, es fängt an zu stinken und wird verseucht. Wasser muss fliessen, damit es zum Segen wird. Es muss in die Höhe steigen, regnen und über die Flüsse zurück ins Meer fliessen wo der Kreislauf von neuem beginnt. Nur so spendet es Leben.
Geben ist seliger als nehmen. Nichts Neues. Aber es wird in mir erst langsam lebendig.

Ort an dem ich der Angst ins Angesicht geblickt habe. Sie hält nicht stand.

Ort an dem ich der Angst ins Angesicht geblickt habe. Sie hält nicht stand.

Auf dem Weg ist mir noch etwas weiteres begegnet. Die Angst. Es heisst, die Angst sei das Gegenteil der Liebe. Und das erlebe ich gerade ganz einfach und praktisch. Sie ist ein weiterer Grund, warum es mir manchmal schwer fällt, etwas weiter zu geben. Die Angst davor, etwas zu verlieren. Angst, nicht genug zu haben. Angst, dass es vielleicht nicht funktioniert, wenn ich mein Herz gegenüber einer Person öffne. Und wenn die Angst siegt, dann geschieht; nichts. Ich schenke nicht, ich wage nicht, ich liebe nicht.
“Wer das Leben behalten will, wird es verlieren. Wer es loslässt, wird es gewinnen.” sagte Jesus.
Wenn ich von Herzen schenke – nicht weil mein Kopf sagt ich sollte – dann gebe ich der Liebe Raum. Aber die Angst, kann mich daran hindern. Plötzlich erlebe ich, dass das Gegenteil von Liebe wirklich die Angst ist. Die Liebe kommt aus dem Herzen, die Angst entspringt dem Verstand. Sie folgt Menschlicher Logik. Sie lässt das Wasser nicht fliessen, lässt nicht los, will nichts Neues, nichts Unbekanntes. Wagt sich nicht auf’s Eis. Wenn sie genügend laut ist, bringt sie das Herz zum schweigen.

Die Angst will nicht, dass du springst. Aber nur so kannst du herausfinden, was da unten ist!

Die Angst will nicht, dass du springst. Aber nur so kannst du herausfinden, was da unten ist!

So lerne ich Stück um Stück meinem Herzen zu folgen, und die Liebe fliessen zu lassen. Ich lerne, die Angst zu erkennen, und sie mit Liebe zu überwinden. Und dort beginnt die Freiheit. Die Freiheit, jemandem tausende Meilen zu folgen und zu fragen, ob wir eine gemeinsame Zukunft mit Hilfe der Liebe wagen wollen – ohne Sicherheiten und ohne Garantieren, auf die Gefahr hin, dass sie vielleicht “Nein” sagt. Die Freiheit, etwas Teures weiterzugeben, auch wenn ich es vielleicht nochmals brauchen könnte. Die Freiheit, jemandem der mich bittet Geld zu geben, auch wenn ich nicht weiss, ob das Geld wirklich für das Busticket eingesetzt wird. Die Freiheit, mir Gedanken zu machen, von denen ich nicht weiss, wie sie mich verändern werden, oder wohin sie mich führen.
Es ist ein herrliches Gefühl, wenn plötzlich keine Angst mehr da ist, weil ich dem Herzen gefolgt bin, den unbekannten Raum betreten habe, auf den Grund des Baches getaucht bin und feststelle, dass dort nichts gefährliches ist. Wenn das Unbekannte bekannt wird und so die Angst vertreibt.

Wenn man das Unbekannte erforscht, entdeckt man, dass es gar nicht so gefährlich ist wie es scheint.

Wenn man das Unbekannte erforscht, entdeckt man, dass es gar nicht so gefährlich ist wie es scheint.

Nachdem ich in Brasilia wieder einmal mehr mit brasilianischer Gastfreundschaft und Herzlichkeit beschenkt wurde, bin ich nun hier 400 Kilometer nördlich in São Jorge angekommen. Mitten im “Nichts”. Nichts ist natürlich masslos untertrieben, der Schöpfer hat hier mit ganz fetten Pinselstrichen aufgetragen. Das glasklare Wasser frisst runde Löcher in’s Gestein, fällt über steile Klippen tosend in die Tiefe, oder bahnt sich seinen Weg durch eckige Felsformationen die aussehen, als hätte jemand überdimensionale Ziegel aufeinander gestapelt.

Der Allmächtige trägt hier mit fetten Pinselstrichen auf.

Der Allmächtige trägt hier mit fetten Pinselstrichen auf.

An manchen Orten sieht man Kilometerweit den grünen Hügel entlang ins Landesinnere. Auch wenn ich noch nie dort war erinnert es mich irgendwie an Hawaii. Hier fliegen Papageie am Abend auf die höher gelegenen Baumwipfel um die letzten Sonnenstrahlen zu geniessen. Habe ich schon erwähnt, dass überall einfach Kristalle auf dem Boden herumliegen wie normale Kieselsteine?

Auf dem Weg zu den letzten in Sonnenlicht getauchten Baumwipfeln.

Auf dem Weg zu den letzten in Sonnenlicht getauchten Baumwipfeln.

Bene, der Hausherr, sitzt vor der Herberge in der ich übernachte. Sitzt einfach da. Tut nichts. Sagt nichts.
Ich kann das nicht. Muss immer etwas tun, immer etwas sagen. Denn ich habe Angst vor dem Nichts. Noch.

Liegen wie Kieselsteine einfach auf der Strasse, hier in Sao Jorge, einem Stück Paradies.

Liegen wie Kieselsteine einfach auf der Strasse, hier in Sao Jorge, einem Stück Paradies.

Lessons of History

Zitat

First, Whom the gods would destroy, they first make mad with power. Second, the mills of God grind slowly, but they grind exceedingly small. Third, the bee fertilizes the flower it robs. Fourth, When it is dark enough, you can see the stars.

Charles A. Beard, seen in “Strength to Love” by Martin Luther King Jr.

ultimate faith

Zitat

I’m not going to put my ultimate faith in the little gods that can be destroyed in an atomic age, but the God who has been our help in ages past, and our hope for years to come, and our shelter in the time of storm, and our eternal home. That’s the God that I’m putting my ultimate faith in. That’s the God that I call upon you to worship this morning.

M. L. King

Source: The Autobiography of Martin Luther King, Jr.